[03.12.2009 | Neue Studie]
Ingeborg Wick
Soziale Folgen des liberalisierten Weltmarkts für Textil und Bekleidung -
Eine Studie im Auftrag der Otto Brenner Stiftung
SÜDWIND-Mitarbeiterin Ingeborg Wick hat eine Studie über »Soziale Folgen des liberalisierten Weltmarkts für Textil und Bekleidung - Strategien von Gewerkschaften und Frauenorganisationen« verfasst, die als Arbeitsheft Nr. 62 der Otto Brenner Stiftung (OBS) in deutscher und englischer Sprache erschien. Am Beispiel der Länder China, Südafrika und Deutschland (EU) untersucht sie die Frage, wie sich der liberalisierte Weltmarkt für Textil und Bekleidung nach dem Ende des Quotensystems 2004 auf die Lage der Beschäftigten ausgewirkt hat.
Zusammenfassung
Die vorliegende Studie behandelt die Fragen, wie sich der Liberalisierungsschub im Welthandel für Textil und Bekleidung nach dem Ende des Quotenregimes 2004 auf die Lage der überwiegend weiblichen Beschäftigten dieser Industrie ausgewirkt hat und welche Maßnahmen diese ergreifen sollten, um ihre Rechte sowohl am Arbeitsplatz als auch übergreifend an den unterschiedlichen Standorten dieser Industrie besser durchsetzen zu können.
Diese Fragen werden beispielhaft in den Ländern China, Südafrika und Deutschland/EU untersucht, die als »Gewinner-« bzw. »Verliererländer« der jüngsten Entwicklung gelten. Über die unmittelbare Fragestellung hinaus ist die Untesuchung auch ein Beitrag zu der weitergehenden Auseinandersetzung mit den sozialen Folgen der Globalisierung, die sich heute in der Weltwirtschaftskrise in bisher ungeahntem Maß zugespitzt hat.
Schon in den letzten Jahrzehnten haben sich in der Textil- und Bekleidungsindustrie die Widersprüche und Fehlentwicklungen der Freihandelspolitik besonders krass gezeigt: Denn die Öffnung nationaler Märkte und die weltweiten Produktionsverlagerungen haben es multinationalen Importunternehmen erlaubt, ihre Marktanteile um den Preis der Verdrängung von Konkurrenten und eines sozialen Wettlaufs nach unten zu vergrößern. Durch die Ansiedlung arbeitsintensiver Industrien wie der Textil- und Bekleidungsindustrie in weltweiten Steuer- und Zollenklaven wurde die weitgehende Außerkraftsetzung von Arbeitsrechten zur Normalität dieser Branche. Im Zuge globaler Kostensenkungsstrategien spielen Unternehmen die Beschäftigten an unterschiedlichen Standorten gegeneinander aus, so dass eine Konkurrenzsituation unter ihnen gefördert und eine gemeinsame Interessenvertretung erschwert wird.
Die Länderstudien China, Südafrika und Deutschland/EU zeigen diesen Prozess in aller Deutlichkeit: Der Abbau von Standorten und Beschäftigung in Deutschland/EU und Südafrika wird bis heute von Unternehmen mit der kostengünstigeren Produktion beispielsweise in China begründet, wo Arbeitsrechte systematisch verletzt werden. Als geradezu absurd stellt sich diese Logik in Südafrika dar, in deren Textil- und Bekleidungsindustrie die Löhne im internationalen Wettbewerb als zu hoch gelten, wohingegen die benachteiligten schwarzen, vorwiegend weiblichen Beschäftigten zu den Armen in der Gesellschaft gelten.
Ermöglicht wurde diese globale Produktion und Beschaffung von Unternehmen durch die Liberalisierungspolitik von GATT und WTO, deren Vertragswerk und Aktivitäten arbeits- und sozialrechtliche Fragen ausklammern.
Der Vergleich der Länderstudien mit Blick auf die Lage der Beschäftigten zeigt, dass diese wie im Falle Chinas von steigendem Wachstum der Industrie und der Exporte kaum profitiert haben. Trotz gradueller und qualitativer Unterschiede zwischen den Ländern verdeutlicht der Vergleich ebenso, dass der Liberalisierungsschub ein Anwachsen prekärer Beschäftigung mit sich bringt. Letztlich hat der hohe Grad an weiblicher Beschäftigung in dieser Branche keine grundlegende Verbesserung der Position von Frauen in der Arbeitswelt und der Gesellschaft dieser Länder bewirkt.
Als strategische Handlungsrahmen gegen diese Politik der Diskriminierung und des Prinzips des »Teile und Herrsche« mit Blick auf die Beschäftigten empfiehlt die Studie Schritte zur Umsetzung der Decent Work Agenda der ILO und von Kernforderungen des UN-Entwicklungsfonds für Frauen UNIFEM.
Nur im Eintreten für deren weltweite Umsetzung kann dem vorherrschenden Trend begegnet werden, ArbeitnehmerInnen – nicht nur in dieser Branche – im Wettbewerb zwischen den Ländern und Produktionsstandorten gegeneinander auszuspielen. Dabei sollten die Forderungen von ILO und UNIFEM auch zu einklagbaren Rechten gemacht werden.
Download der Studie:
http://www.otto-brenner-stiftung.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/AH62_de_01.pdf