Inhalt Footer
Blog

Wenn Zölle Menschen treffen: Wer den Preis der Trumpschen Handelspolitik zahlt

von Sarah Wagner

Textilarbeiter*innen arbeiten an Nähmaschinen in einer Bekleidungsfabrik in Kolumbien. Das Bild steht stellvertretend für die Millionen Menschen in globalen Lieferketten, die die Folgen von Handelskonflikten, Zöllen und wirtschaftlichem Druck unmittelbar tragen. Bildrechte: © ILO SME Productivity and Decent Work

Donald Trumps zweite Amtszeit als Präsident der USA sorgt (wie seine erste) für viel Aufsehen und geopolitische Konflikte. Bereits zu Beginn seiner zweiten Amtszeit erließ er neue Zölle gegen verschiedenste (Textil-)Produktionsländer. SÜDWINDs erster Blogbeitrag zu den US-amerikanischen Zöllen verdeutlichte bereits, dass Beschäftigte in globalisierten Wertschöpfungsketten wie der Bekleidungsindustrie die negativen Folgen dieser Politik unmittelbar spüren. Zu diesem Zeitpunkt fehlten jedoch noch systematische Untersuchungen des tatsächlichen Ausmaßes. Das “Business and Human Rights Centre” (BHRC), eine Nichtregierungsorganisation, die zu Menschenrechten und globaler Wirtschaft arbeitet, veröffentlichte nun den Bericht “Commercial priorities, human costs: fashion brands’ purchasing practices during the US tariff crisis”. Er zeigt eindrücklich, welche Folgen die (US-amerikanische) Zollpolitik für den Textilsektor und insbesondere für seine Beschäftigten hat. Denn, obwohl die Zölle offiziell gegen andere Staaten gerichtet sind, zeigt der BHRC-Bericht, dass vor allem Textilarbeiter*innen in den Produktionsländern die wirtschaftlichen und sozialen Kosten tragen.
 

Warum die Textilindustrie besonders betroffen ist

Schon vor der Zolleskalation Anfang 2025 waren Länder wie Indien, Kambodscha oder Lesotho regelmäßig Ziele von US-Zöllen. Hintergrund sind die hohen US-Textilimporte aus diesen und anderen Ländern, die 2024 einen Wert von 100 Mrd. US-Dollar aufwiesen. Dabei ist zu bedenken, dass die wichtigsten Textillieferländer der USA fast ausschließlich im Globalen Süden liegen. 2025 erreichten die Zölle dann eine neue Dimension.

Begründet wurden die US-Zölle mit dem “ungerechten” Handelsdefizit. Doch entsteht dieses Defizit durch eine global ungerechte Wohlstandsverteilung. Das strukturelle Outsourcing der Textilproduktion durch die US-amerikanischen Marken nutzt das niedrige Lohnniveau der Arbeiter*innen für die Produktion aus, während die größte Wertschöpfung durch Design und Marketing in den USA bleibt.
 

Von der Zollankündigung zur Krise

Am 2. April 2025 kündigten die USA unter dem “International Emergency Economic Powers Act” (IEEPA) eine neue Handelspolitik an: Ein universeller Basiszoll von 10% wurde durch zusätzliche “reziproke” Zölle von bis zu 50% für bestimmte Handelspartner ergänzt. Bereits eine Woche nach Verkündung des IEEPA, am 9. April, erhöhten die USA Zölle auf verschiedene Produktionsländer.

Der reale Schaden wurde schnell sichtbar: Die Textilimporte aus China (Zölle: 34%) fielen bis Mai 2025 auf den niedrigsten Stand seit 22 Jahren. In Lesotho (Zölle: 50%) mussten mehrere Fabriken innerhalb von drei Monaten schließen. Allein bei “Precious Garments”, eines der wichtigsten Textilunternehmen Lesothos, wurden rund 5.000 Beschäftigte in unbezahlten Urlaub geschickt. In Indien (Zölle: 26%) meldeten über 80% der Zulieferer einen Rückgang der Bestellungen, was zu Massenentlassungen und Fabrikschließungen führte. Während Politiker*innen über das weitere Vorgehen verhandelten, reagierten die Modemarken mit einer “Wait-and-See"-Strategie. Für die Zulieferer bedeutete diese Unsicherheit jedoch einen faktischen Stillstand.

Die Trumpsche Handelspolitik war kein reiner Selbstzweck, sondern wurde gezielt als geopolitischer Hebel eingesetzt. Ab August 2025 wurden für viele Länder die Zollsätze auf 19-20% verringert, darunter auch für Kambodscha. Das hing für die USA aber mit einer politischen Voraussetzung zusammen: Thailand und Kambodscha sollten die anhaltenden Grenzkonflikte beenden. Anders verlief es für Indien, wo der Zollsatz am 27. August auf 50% (einschließlich eines 25-prozentigen “Strafzolls”) angehoben wurde, weil das Land russisches Öl importierte. In beiden Fällen zeigte sich, dass Handelspolitik zunehmend als Machtinstrument eingesetzt wurde. Die Konsequenzen dieser Entscheidungen trugen jedoch vor allem die Beschäftigten in den Produktionsländern. In Ländern wie Vietnam oder Myanmar hingegen, die kurzfristig von Auftragsverlagerungen aus China profitierten, führten zusätzliche Aufträge zu enormem Produktionsdruck und exzessiven Überstunden.

Rechtlich geriet die Zollpolitik schließlich ebenfalls unter Druck. Im August 2025 erklärte der US Supreme Court die Zölle für rechtswidrig, doch für viele der Beschäftigten in den Fabriken kam diese Entscheidung zu spät. Nicht zuletzt aufgrund der schlechten Löhne in der Industrie haben die Beschäftigten der Industrie in der Regel kaum finanzielle Rücklagen für solche Krisenzeiten.

Wenn Handelspolitik Menschenrechte gefährdet

Die Folgen der US-Zölle zeigen sich nicht nur in Handelsstatistiken oder sinkenden Exportzahlen. Sie werden vor allem dort sichtbar, wo die wirtschaftlichen Risiken globaler Lieferketten letztlich landen: bei den Arbeiter*innen in den Produktionsländern. Als Modemarken auf die Zollankündigungen mit Auftragsstopps, Produktionsverlagerungen und Preisdruck reagierten, wurden die Kosten entlang der Lieferkette nach unten weitergegeben und mündeten in massiven Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen.

Besonders deutlich wurde das bei den Arbeitsbedingungen. Um bestehende Aufträge noch vor dem Inkrafttreten neuer Zölle abzuschließen, berichteten Beschäftigte in Indien von exzessiven Überstunden. Eine Arbeiterin schilderte: “They made us work day and night to get everything out in time.” Kaum waren die Waren verschifft, folgten oftmals Entlassungen oder Kurzarbeit. Der wirtschaftliche Druck traf die Beschäftigten damit doppelt: zunächst durch erhöhte Arbeitsbelastung, dann durch Verlust von Arbeitsplatz und Einkommen.

Gleichzeitig verschärfte sich die soziale Ungleichheit vieler Familien. Gewerkschaften berichteten von zunehmender Ernährungsunsicherheit. Eine entlassene Arbeiterin erklärte, sie habe Wasser getrunken, um ihren Magen zu “täuschen” und das wenige verfügbare Essen für ihre Kinder aufzusparen. In Sri Lanka berichteten Gewerkschaften zudem von stillenden Müttern, die aufgrund von Nahrungsmangel nicht mehr ausreichend Milch für ihre Säuglinge produzieren konnten.

Auch grundlegende Arbeitsrechte gerieten unter Druck. Der Bericht dokumentiert, dass Gewerkschaftsmitglieder in mehreren Fabriken zu den ersten Betroffenen von Entlassungswellen gehörten. Gleichzeitig nutzten einige Unternehmen die wirtschaftliche Unsicherheit, um Beschäftigte unter Druck zu setzen oder bestehende Rechte einzuschränken. Damit wurden aus wirtschaftlichen Schocks unmittelbar menschenrechtliche Risiken.

Besonders betroffen waren Frauen, die den Großteil der Beschäftigten in der globalen Bekleidungsindustrie stellen. In Sri Lanka und Lesotho berichteten Gewerkschaften, dass ehemalige Textilarbeiterinnen aufgrund fehlender Jobperspektiven in die Sexarbeit gedrängt wurden. Zudem stieg das Risiko von Menschenhandel und ausbeuterischer Migration, da viele Frauen nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten waren.

Die dokumentierten Entwicklungen sind kein neues Phänomen. Bereits während der COVID-19-Pandemie führten abrupte Auftragsstornierungen und die Verlagerung der Risiken zu ähnlichen Menschenrechtsverletzungen. Die Zollkrise des Jahres 2025 verdeutlicht erneut ein strukturelles Problem globaler Lieferketten: Gerät das System unter wirtschaftlichen Druck, müssen Menschenrechte häufig hinter kommerzielle Interessen zurücktreten.

Wer zahlt den Preis und wer nicht?

Der BHRC-Bericht macht deutlich, dass die Kosten der Trumpschen Zollpolitik nicht in erster Linie von Staaten, den Modeunternehmen oder Verbrauchenden getragen werden. Den Preis zahlen vor allem die Beschäftigten in den globalen Lieferketten der Textilindustrie. Entlassungen, Lohnausfälle, Überstunden, Hunger und zunehmende Unsicherheit zeigen, wie handelspolitische Entscheidungen bis in den Alltag der Arbeiter*innen im Globalen Süden hineinwirken.

Gleichzeitig offenbart die Zollkrise ein grundlegendes Problem globaler Lieferketten: Wenn wirtschaftlicher Druck entsteht, werden Risiken systematisch an Zulieferer und Beschäftigte weitergegeben. Die Entwicklungen des Jahres 2025 sind deshalb nicht nur eine Folge der Trumpschen Handelspolitik, sondern Ausdruck eines Systems, in dem Menschenrechte hinter kommerziellen Interessen zurückstehen.

Wer also den Preis für die Trumpsche Zollpolitik zahlt, sind vor allem jene Menschen, die am wenigsten Einfluss auf sie haben: die Arbeiter*innen in den Produktionsländern der globalen Textilindustrie.

Was Unternehmen und Politik jetzt tun müssen

  1. Das BHRC und SÜDWIND formulieren dazu konkrete Handlungsempfehlungen an Unternehmen und Politik.
  2. Forderungen des BHRC an Modemarken:
  3. Einkaufspraktiken in die menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten integrieren
  4. Sicherstellen, dass wirtschaftliche Risiken nicht auf Zulieferer und Arbeiter*innen abgewälzt werden
  5. Einhaltung bestehender finanzieller Verpflichtungen
  6. Löhne, Sozialleistungen und Abfindungen der Arbeiter*innen schützen
  7. Einbeziehung der Arbeiter*innen und ihrer gewerkschaftlichen Vertretungen

Forderungen von SÜDWIND an die Politik:

  1. Umsetzung der CSDDD und LkSG konsequent sicherstellen
  2. Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen entlang ihrer Lieferkette wirksam zur Verantwortung ziehen
  3. Menschenrechtsbasierte Handels- und Außenwirtschaftspolitik stärken
  4. Krisenfeste und gerechte Lieferketten fördern
  5. Soziale Schutzmechanismen für Arbeiter*innen ausbauen

Bildrechte: © ILO SME Productivity and Decent Work