Zeitenwende oder Rückschritt? Ein Rückblick auf die Tagung “Frieden und Sicherheit in Europa - Versuch einer Standortbestimmung”
von Sarah Wagner

Am 8. Mai 2026, 81 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, haben sich Expert*innen, SÜDWIND-Mitglieder und Interessierte im Allerweltshaus Köln getroffen, um eine der drängendsten Fragen unserer Zeit zu diskutieren: Wie kann Frieden in einer Welt gesichert werden, die zunehmend aus den Fugen gerät?
Die SÜDWIND-Tagung bot eine Bühne für eine profunde Analyse und Diskussion der europäischen Sicherheitslage, der umstrittenen Rolle von Rüstungsinvestitionen im Bereich der nachhaltigen Finanzen sowie eine Antwort der evangelischen Kirche in Form der EKD-Friedensdenkschrift auf aktuelle Herausforderungen.
Die geopolitische Ausgangslage
Ulrike Dufner, Geschäftsführerin des SÜDWIND-Instituts, eröffnete die Tagung mit einem Blick auf die globale Lage: Es gebe derzeit eine Erosion regelbasierter Systeme und eine Zunahme autoritärer Regime. Die “Zeitenwende”, ein Begriff, der ursprünglich den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine meinte, müsse heute erweitert werden. Internationale Politik drohe zu einem Instrument für privatkapitalistische Partikularinteressen zu verkommen. Besonders die Politik der USA mit der zweiten Trump-Administration, die die NATO in Frage stellt und auf nationale Alleingänge setzt, erhöhe die Nervosität in Europa massiv. Umso wichtiger ist es, dass der Diskurs nicht den Kräften überlassen wird, die auf nationalistische Interessenspolitik setzen. Stattdessen sind Fragen wie die Wiederbelebung etwa des Nichtverbreitungspaktes, über die Möglichkeiten von Abrüstungsverhandlungen und Rüstungskontrolle und der Regulierung des Einsatzes von Drohnen – gerade in Zeiten autoritärer Regime und nationalistischer Politiken zu stellen und fordern.
Der Historiker Helmut Hugler verdeutlichte in seinem Vortrag, dass wir uns in einer Phase des globalen Regelverlusts befinden. Das Völkerrecht werde zunehmend durch das “Recht des Stärkeren” ersetzt. Die Welt entwickle sich hin zu einer multipolaren Ordnung, in der internationale Regeln und Institutionen an Einfluss verlieren. Diese Entwicklung habe weitreichende Folgen: Staaten müssten ihre Bündnisse und Strategien neu ausrichten, während sich auch für die Zivilgesellschaft die Frage stelle, welche politischen Akteure noch Verantwortung übernehmen. Hugler verwies zudem auf eine wachsende Distanz zwischen Politik und Zivilgesellschaft, die gemeinsame Lösungsansätze erschwere.
Mit Blick auf die aktuelle geopolitische Lage führte Hugler aus, dass die gegenwärtige Situation nicht allein das Ergebnis des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Jahr 2022 sei, sondern ein langjähriger Prozess, der bereits mit der Annexion der Krim und der Destabilisierung im Donbass 2014 begonnen habe. Gleichzeitig verwies er auf langfristige Verschiebungen in den transatlantischen Beziehungen. Die strategische Orientierung der USA richte sich seit Jahren stärker auf den asiatisch-pazifischen Raum und den Wettbewerb mit China, wodurch der Zusammenhalt zwischen Europa und den USA unter Druck gerate.
Mit Blick auf Russland betonte Hugler, dass insbesondere die Staaten Ost- und Mitteleuropas aufgrund ihrer historischen Erfahrungen gute Gründe hätten, sich bedroht zu fühlen. Jedoch halte er einen unmittelbaren russischen Angriff auf NATO-Staaten derzeit für unwahrscheinlich. Russland verfüge aktuell nicht über die notwendigen militärischen Kapazitäten. Selbst nach Ende des Ukrainekrieges würde der Wiederaufbau entsprechender Fähigkeiten mehrere Jahre dauern. Vor diesem Hintergrund bewertete er die gegenwärtige Dynamik einer schnellen und umfassenden Aufrüstung in Deutschland und Europa kritisch.
Hugler plädierte für eine “kooperative Rüstungssteuerung”. Dabei gehe es weniger um Abrüstung als um Transparenz, Kommunikation und gegenseitige Berechenbarkeit militärischer Aktivitäten. So könnten ungewollte Eskalationen vermieden werden. Außerdem müsse hierbei die anhaltende militärische und technologische Abhängigkeit Europas von den USA (z.B. bei Satellitenkommunikation, Elektronik und Infrastruktur) beachtet werden. Eine europäische Eigenständigkeit sei zwar wünschenswert, werde aber nur langfristig erreichbar sein. Bis dahin müsse Europa politische Antworten auf diese Abhängigkeiten finden und die Zusammenarbeit innerhalb der EU stärken.
Rüstungsinvestitionen: Beitrag zum Frieden oder “Peacewashing”?
Es folgte der Beitrag von Ulrike Lohr, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei SÜDWIND im Fachbereich nachhaltige Geldanlagen. Sie beobachtet, dass sich der russische Angriffskrieg auf die Ukraine auch auf die Bewertung von Rüstungsgütern in nachhaltigen Geldanlagen auswirkt: Während Waffenproduktion und Rüstungsunternehmen früher ein klassisches Ausschlusskriterium für nachhaltige Fonds waren, werden sie heute zunehmend als notwendiger Bestandteil europäischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik deklariert und gelten damit auch für nachhaltige Fonds als investierbar.
Diese Entwicklung werde von der Europäischen Union aktiv vorangetrieben. Mit dem Programm “ReArm Europe” plant die EU, bis 2030 rund 800 Milliarden Euro für die Verteidigungsfähigkeit zu mobilisieren. Gleichzeitig wirbt die EU-Kommission dafür, privates Kapital in den Rüstungssektor zu investieren. In einer Handreichung für Investor*innen vom Dezember 2025 argumentiert die Kommission, dass Rüstungsinvestitionen friedenssichernd und mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen – insbesondere SDG 16 (Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen) – vereinbar seien. Besonders kritisch sieht Lohr zudem die Verengung des Begriffs “kontroverse Waffen” durch die EU. Als „verbotene Waffen“ zählen nunmehr nur noch biologische und chemische Kampfstoffe, Landminen und Streumunition. Investitionen in Atomwaffen oder KI-gesteuerte Drohnen hingegen gelten laut EU als investierbar für nachhaltige Fonds.
Ulrike Lohr bezeichnete diesen Vorgang als “Peacewashing”. Investitionen in Rüstung seien nicht per se nachhaltig, da dieselben Hersteller, die Europa in Verteidigungsbereitschaft versetzen sollen, ihre Waffen auch in völkerrechtswidrigen Kriegen einsetzen könnten. Als aktuelles Beispiel verwies sie auf den Einsatz von Flugzeugen und Waffensystemen der Unternehmen Boeing und Lockheed Martin im Krieg gegen den Iran im Jahr 2026.
Ethischer Kompass: die neue Friedensdenkschrift der EKD
Wie geht die Kirche mit dieser neuen Realität um? Prof. Dr. Jörg Hübner stellte sich dieser Frage und präsentierte die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): “Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick”. Die Denkschrift reagiere auf eine Welt, die von neuen Kriegen, geopolitischen Spannungen, Klimakrisen und der Erosion der internationalen Ordnung geprägt ist. Dabei versucht sie Hübner zufolge, traditionelle friedensethische Positionen mit den Herausforderungen der Gegenwart zu verbinden.
Im Zentrum steht dabei die Erkenntnis, dass Frieden mehr sei als die Abwesenheit von Krieg. Die EKD beschreibt Frieden als Zusammenspiel von Schutz vor Gewalt, Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und einem friedlichen Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt. Dabei wird der Schutz vor Gewalt als Basisgut hervorgehoben: Ohne körperliche Sicherheit seien weder Freiheit noch Gerechtigkeit dauerhaft möglich. Gleichzeitig warnt die Denkschrift davor, Sicherheit ausschließlich militärisch zu denken. Die Sicherheitslogik müsse stets der Friedenslogik untergeordnet bleiben, könne aber im Extremfall die Anwendung “rechtserhaltender Gewalt” erfordern.
Ein weiterer Schwerpunkt der Denkschrift liegt auf den ökologischen Ursachen und Folgen von Konflikten. Kriege werden als massive Eingriffe in Umwelt und Lebensgrundlagen verstanden beziehungsweise als “Ökozide”. Klimagerechtigkeit wird deshalb ausdrücklich als Friedensaufgabe definiert, denn nur eine bewohnbare Welt könne langfristig Frieden ermöglichen. Hübner betonte, dass die evangelische Friedensethik den Vorrang der “Friedenstüchtigkeit” mit der Notwendigkeit der “Verteidigungsfähigkeit” verbinde. Ziel sei es, die friedensethische Urteilskraft zu stärken und Orientierung in einer zunehmend komplexen Weltlage zu geben.
Austausch und Ausblick
In der anschließenden Diskussion äußerten Tagungsteilnehmer*innen die Sorge, dass durch die massiven Erhöhungen der Militärausgaben Gelder in anderen wichtigen Bereichen, wie der sozialen Sicherung oder der Entwicklungszusammenarbeit, fehlen würden. Außerdem stieß die Neuausrichtung der Friedensdenkschrift, im Vergleich zur bisherigen pazifistischen Grundhaltung der Kirche, auf viele Fragen aus dem Publikum.
Abschließend mahnte Ulrike Lohr, sich von der aktuellen Bedrohungslage nicht “überrennen” zu lassen. Die verschiedenen globalen Krisen wie die Klimakrise, soziale Ungleichheit und Kriege dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Die Tagung zeigte: Sicherheit ist weit mehr als Militär. Sie beginnt bei der sozialen Sicherung und der Einhaltung internationaler Regeln. Der “ethische Kompass”, so das Fazit von Ulrike Dufner, müsse jedoch auch in stürmischen Zeiten gewahrt bleiben. Es sei eine Politik vonnöten, die nicht nur auf Aufrüstung setzt, sondern beharrlich für Rüstungskontrolle, Diplomatie und eine gerechte globale Ordnung eintritt.


