Der Globale Rechtsindex 2026: Das Beispiel Bangladesch ‒ zwischen Reform und Repression
von Sabine Ferenschild

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Der Globale Rechtsindex 2026 des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) zeichnet ein aktuelles Bild der Lage von Arbeitsrechten und Gewerkschaften weltweit: Die Räume für gewerkschaftliches Engagement, kollektives Handeln und demokratische Teilhabe schrumpfen weltweit. Die Daten bestätigen erneut, dass Arbeitsrechte global unter Druck stehen. Auch in Bangladesch, das vom IGB nun nicht mehr zu den zehn schlimmsten Ländern der Welt für Beschäftigte gezählt wird, stehen Arbeitsrechte trotz Verbesserungen weiter unter Druck.
Der Globale Rechtsindex kategorisiert 151 Länder und Regionen weltweit in insgesamt sechs Stufen. Diese reichen von Stufe 1 „sporadische Arbeitsrechtsverletzungen“ bis zu Stufe 5 „Rechte nicht garantiert“ sowie einer Stufe 5+ „Rechte nicht garantiert wegen Zusammenbruchs der Rechtsstaatlichkeit“.
Die weltweit schlechtesten Arbeitsbedingungen für Beschäftigte herrschen laut Index in Ägypten, Argentinien, Belarus, Ecuador, Eswatini, Myanmar, Nigeria, Panama, Türkei und Tunesien (alle Stufe 5 oder 5+). In die „beste“ Stufe, die der „sporadischen Rechtsverletzungen“, gehören neben Uruguay nur europäische Länder (Dänemark, Deutschland, Island, Irland, Norwegen, Österreich, Schweden).
Neben dem Länderrating bewertet der Bericht auch regionale Entwicklungen (s. Tabelle). Während Afrika sich leicht verbessert hat, verschlechterten sich Gesamtamerika sowie Europa gegenüber dem Vorjahr.
Tabelle: Ranking der Weltregionen im Vergleich (2024+2025)

Ein Blick auf die wichtigsten Kennzahlen des Berichts verdeutlicht die Dimension dieser Entwicklung:
- In 87 % der Länder wird das Streikrecht verletzt.
- In 80 % ist das Recht auf Tarifverhandlungen eingeschränkt.
- In drei Viertel der untersuchten Staaten werden Gewerkschaftsgründungen behindert.
- In 50 % der Länder gab es 2025 Angriffe auf das Recht auf Rede- und Versammlungsfreiheit; in ebenso vielen wurden Beschäftigte festgenommen und inhaftiert.
- In 32 % der Länder waren Beschäftigte direkter Gewalt ausgesetzt.
- In vier Ländern (Angola, Indonesien, Kolumbien, Mexiko) wurden Gewerkschaftsmitglieder und Beschäftigte ermordet.
Wirtschaftliche Interessen und autoritäre Politik greifen ineinander
Diese Entwicklung ist kein Zufall und auch kein isoliertes, auf den Wirtschaftssektor begrenztes Problem. Der Rechtsindex macht deutlich, dass wir es mit einer strukturellen Verschiebung zu tun haben, in der wirtschaftliche Interessen, autoritäre Politik und unternehmerische Macht eng ineinandergreifen. Gewerkschaften geraten dabei gezielt ins Visier, weil sie zentrale Akteurinnen kollektiver Interessenvertretung und demokratischer Aushandlungsprozesse sind. Die im Bericht beschriebenen Trends, zu denen die zunehmende Verfolgung von Gewerkschafter*innen, der Einsatz digitaler Überwachungstechnologien sowie die systematische Umgehung sozialer Dialogmechanismen gehören, zeigen, wie gezielt Handlungsspielräume eingeschränkt werden.
Diese globale Entwicklung schlägt sich auch in der Region Asien-Pazifik nieder, in der vor allem Bangladesch, China, Indien und Indonesien für SÜDWIND aufgrund ihrer Rolle in globalen Lieferketten von zentraler Bedeutung sind. Trotz einzelner Reformen gehört die Region weiterhin zu den problematischsten weltweit. In vielen Ländern in der Region werden grundlegende Arbeitsrechte verletzt, Streiks werden unterdrückt, Gewerkschaften systematisch geschwächt. Gerade in exportorientierten Industrien wie der Textilproduktion zeigt sich, wie eng wirtschaftliche Interessen und die Einschränkung von Rechten miteinander verknüpft sind.
Bangladesch zwischen Reform und Repression
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf Bangladesch - ein Schwerpunktland der SÜDWIND-Arbeit und zugleich ein besonders aufschlussreiches Beispiel für die Ambivalenz aktueller Entwicklungen. Das Land ist weiterhin in der schlechtesten Kategorie des Rechtsindex (Stufe 5) eingeordnet, hat sich jedoch im Jahr 2026 leicht verbessert und gehört nicht mehr zu den zehn Schlusslichtern hinsichtlich der Bedingungen für Beschäftigte.
Diese Verbesserung ist vor allem auf politische Veränderungen zurückzuführen. Nach dem Sturz des autoritären Regimes unter Sheikh Hasina im Jahr 2024 hat die Übergangsregierung unter Muhammad Yunus Reformen angestoßen, die von Gewerkschaften lange gefordert worden waren. So wurde die Hürde zur Gründung von Gewerkschaften deutlich gesenkt: Statt eines Anteils von 20 % der Belegschaft reichen nun, je nach Betriebsgröße, bereits 20 Beschäftigte aus. Auch soziale Rechte wurden ausgeweitet, etwa durch die Einführung eines 120-tägigen Mutterschaftsurlaubs oder die Einbeziehung bislang marginalisierter Beschäftigtengruppen wie Hausangestellte und Landarbeiter*innen in die Bestimmungen zu Gewerkschaftsrechten, Sozialversicherung und Sozialleistungen. Auch die Lage von Beschäftigten in der Abwrackindustrie von Schiffen hat sich durch eine extra hierfür eingerichtete Aufsichtsbehörde sowie die Unterzeichnung der Hongkong Deklaration durch Bangladesch im Jahr 2023 verbessert.
Diese Reformen sind nicht zu unterschätzen. Sie zeigen, dass politische Öffnungen reale Verbesserungen ermöglichen können – und dass der Druck internationaler Akteur*innen dazu beitragen kann. Gleichzeitig bleiben sie jedoch begrenzt in ihrer Wirkung. Denn die strukturellen Rahmenbedingungen, die zur Einschränkung von Arbeitsrechten beitragen, bestehen fort. Der Rechtsindex weist ausdrücklich darauf hin, dass die Vereinigungsfreiheit trotz gesetzlicher Änderungen weiterhin eingeschränkt bleibt, unter anderem durch bürokratische Hürden und den Widerstand von Arbeitgeber*innen. Zudem kommt es weiterhin zu gewaltsamen Eingriffen gegen Proteste und Streiks; ein Umstand, der den breiten Graben zwischen formellen Rechten und deren tatsächlicher Umsetzung deutlich macht. So gehen regelmäßig Textilarbeiter*innen in Bangladesch auf die Straße, um gegen vorenthaltene Rechte zu protestieren (u.a. nicht gezahlte Löhne, Entlassungen, Fabrikschließungen). Sie werden dabei häufig bedroht beziehungsweise am Protest gehindert. In einigen Fällen werden Beschäftigte und Gewerkschafter*innen entlassen oder inhaftiert, so z.B. im Jahr 2025 in den Fällen Fiat Fashion, Youngones Ltd. und Stylecraft Ltd.
Gerade diese Diskrepanz zwischen Recht und Realität ist aus Sicht der Shrinking-Spaces-Debatte zentral. Bangladesch zeigt exemplarisch, dass Handlungsspielräume durch gesetzliche Reformen zwar erweitert werden können, doch ihre tatsächliche Nutzung wird durch Machtverhältnisse geprägt. In Bangladesch bedeutet dies, dass in der Praxis exportorientierte Unternehmen und internationale Marken, die Widerstand gegen gewerkschaftliche Organisierung leisten, den Arbeitsalltag stärker prägen als das Arbeitsrecht.
Fazit
Der Globale Rechtsindex 2026 führt vor Augen, dass die Einschränkung von Arbeitsrechten kein Randphänomen ist, sondern ein globaler Trend mit weitreichenden Folgen. Wo Beschäftigte sich nicht organisieren können, wo Protest kriminalisiert wird und sozialer Dialog ausgehöhlt ist oder behindert wird, schrumpfen auch die demokratischen Räume insgesamt.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf Bangladesch, dass politische Veränderungen Handlungsspielräume ermöglichen, auch wenn diese umkämpft bleiben. Für SÜDWIND bedeutet das, weiterhin an der Schnittstelle zwischen globalen Lieferketten, Arbeitsrechten und demokratischer Teilhabe zu arbeiten. Denn die Verteidigung von Arbeitsrechten ist zentral für stabile demokratische Gesellschaften.






