Inhalt Footer
Blog

Nachhaltige Investments für kontroverse Waffen und völkerrechtswidrige Kriege?

Von Theo Langhorst

Kampfjet: Quelle Pixabay

Kaum ein Thema dominiert das aktuelle Weltgeschehen mehr als die derzeitige Vielzahl an politischen Konflikten und Kriegen: in der Ukraine, im Iran und bis vor kurzem auch in Gaza. Daneben gibt es zahlreiche weitere gewaltsame Konflikte, die täglich Menschen das Leben kosten. Darüber wird in deutschen Medien jedoch kaum oder gar nicht berichtet. Das Heidelberg Institute for International Conflict Research zählte im Jahr 2024 weltweit 209 gewaltsame Konflikte. Das Institute für Economics & Peace verzeichnet 59 Konflikte, in denen Staaten involviert sind (zwischenstaatliche Konflikte und Bürgerkriege) und im sechsten Jahr in Folge einen negativen Trend im Global Peace Index.  

Wo Konflikte und Gewalt eskalieren, steigt auch die Nachfrage nach Rüstungsgütern. Das zeigt sich auch in den neuesten Zahlen des Stockholm International Peace Research Institut (SIPRI). Die weltweiten Militärausgaben stiegen 2025 inflationsbereinigt auf den Rekordwert von 2.887 Milliarden US-Dollar und erhöhten sich damit das elfte Jahr in Folge. 

Aufweichung des Nachhaltigkeitsbegriffs ermöglicht Rüstungsinvestitionen auch in nachhaltigen Investments 

Spätestens seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine rüsten auch europäische Staaten auf. Allein Deutschland hat seine Rüstungsinvestitionen im Jahr 2025 um 24 % verglichen zum Vorjahr erhöht. Um hierfür neues Kapital zu mobilisieren und die Branche in ein positiveres Licht zu rücken, lassen sich in den letzten Jahren immer mehr Bestrebungen von Politik und der Rüstungslobby feststellen, die Waffenindustrie als nachhaltig darzustellen.  Das hat Konsequenzen für nachhaltige Investitionen. Denn eigentlich galt Rüstung immer als eines der klassischen Ausschlusskriterien für nachhaltige Investments. Der Rüstungslobby war dies schon länger ein Dorn im Auge. Recherchen von LobbyControl und Voxeurope zeigten im Dezember 2025 auf, dass Rüstungslobbyisten bereits im Jahr 2021 vor dem Krieg in der Ukraine das Ziel verfolgten, Rüstung als nachhaltig einzustufen. Mit dem Argument, dass Rüstung nicht nur den Frieden sichert, sondern die Grundlage für alle Nachhaltigkeit sei, versuchen die Verbände mit enormem Lobbydruck Ihre Ziele durchzusetzen. Mit Erfolg - Politik und immer mehr Finanzakteure sind dieser Logik gefolgt. 

Mit dem im Jahr 2025 von der Europäischen Kommission vorgelegten Plan „ReARM Europe“ soll die Verteidigungsfähigkeit Europas bis 2030 durch die Bereitstellung von 800 Mrd. Euro gesichert werden. Der Plan sieht ebenfalls vor, privates Kapital zu mobilisieren – auch über als nachhaltig klassifizierten Fonds. Im Zuge dessen veröffentlichte die EU-Kommission mehrere Dokumente, zuletzt im Dezember 2025 eine Handreichung für Investoren. Laut dieser tragen Rüstungsinvestitionen zu den EU-Zielen bei, sind mit den UN-Zielen (SDG 16) sowie mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vereinbar. Mit dem Papier stellt die EU eindeutig klar, dass Rüstungsinvestments unter der Nachhaltigkeitsoffenlegungsverordnung (SFDR) als nachhaltig kategorisiert und in nachhaltigen Fonds investiert werden können, mit nur wenigen Einschränkungen (siehe weiter unten). 

Rüstungstitel in nachhaltigen Fonds   

Viele Banken sind der Position der EU schon früh gefolgt und haben bereits seit 2024 ihre Nachhaltigkeitsrichtlinien angepasst. Seitdem sind in immer mehr als nachhaltig deklarierten Fonds Produzenten von Waffen und anderen Rüstungsgütern zu finden. Laut Voxeurope stiegen zwischen 2021 und 2025 die Investitionen grüner Fonds in Rüstungsunternehmen von 14,5 auf 49,8 Mrd. Euro, wobei diese sich von 2024 auf 2025 allein mehr als verdoppelt haben. Durch zahlreiche Konflikte stieg die Bewertung vieler Rüstungsunternehmen stark an. Allein 2025 erzielten 769 nachhaltige Fonds rund 7 Mrd. Euro Gewinn mit Rüstungsaktien und Dividenden. Rund die Hälfte der Investitionen nachhaltiger Fonds in Rüstungsunternehmen entfällt auf europäische Konzerne wie Safran, Rheinmetall oder Rolls-Royce. Außerhalb Europas beanspruchen US-Unternehmen mit 13 von 18 Milliarden Euro rund 70 Prozent der Investitionen für sich. 

Das SÜDWIND-Institut recherchiert aktuell für den deutschen Markt, welche Anbieter inzwischen Rüstung in nachhaltigen Fonds zulassen und welche Titel dort zu finden sind. Auch hier konnten wir einen deutlichen Anstieg von Rüstungstiteln dokumentieren – jedoch längst nicht bei allen Anbietern. Eine Reihe, auch nicht auf Nachhaltigkeit spezialisierter Anbieter schließen Rüstung in nachhaltigen Fonds weiterhin aus. Die Ergebnisse sollen im Sommer 2026 veröffentlicht werden.   

Laut EU nicht verboten, aber kontrovers: Atomwaffen, Phosphor und autonome Waffensysteme  

Die Europäische Union hat nur wenige Einschränkungen für Rüstungsgüter in nachhaltigen Geldanlagen festgelegt. Zu den „verbotenen Waffen“ (für nachhaltige Fonds) gelten Antipersonenminen, Streumunition sowie chemische und biologische Waffen. Weitere Waffengattungen, die üblicherweise zu den kontroversen Rüstungsgütern gezählt werden, wie Atomwaffen, Phosphorbomben, Munition mit abgereichertem Uran oder automatisierte Waffensysteme zählt die EU nicht zu den verbotenen Rüstungsgütern, obwohl Menschenrechtsorganisationen diese für ihre Grausamkeit und verheerenden Auswirkungen für die Zivilbevölkerung heftig kritisieren.  

Am schockierendsten ist die Kategorisierung von Atomwaffen als investierbar. Anteile zahlreicher Unternehmen wie Safran, Boeing, Babcock, Leonardo usw. sind demensprechend in nachhaltigen Fonds zu finden. Diese Unternehmen profitieren von der seit 2017 steigenden atomaren Aufrüstung

Eine weitere umstrittene Waffenkategorie, die die EU nicht ausschließt, sind Kampfmittel mit weißem Phosphor. Obwohl diese nicht grundsätzlich verboten sind, werfen Einsätze besonders in besiedelten Gebieten schwere völkerrechtliche Bedenken auf. Weißer Phosphor verursacht schwerste Verbrennungen, Atemwegsschäden, Organversagen und führt oft zu nicht löschbaren Bränden. Überlebende leiden häufig lebenslang unter den Folgen.  

Ebenfalls nicht ausgeschlossen sind autonome oder erheblich durch künstliche Intelligenz gestützte Waffensysteme. Die Kampagne “Stop Killer Robots” kritisiert, dass es ethisch und moralisch äußerst bedenklich sei, wenn Algorithmen statt Menschen über Leben und Tod entscheiden und sieht darin einen Konflikt mit geltendem Völkerrecht. Zudem wird befürchtet, dass ohne menschliche Kontrolle keine ethische Abwägung mehr stattfindet und es zu fehlerhafter Zielerkennung sowie falschen Verhältnismäßigkeitsentscheidungen kommt. Während KI-Systeme bereits fest in militärische Operationen integriert sind, werden vollständig autonome Systeme bislang nur begrenzt eingesetzt. Technisch sei eine vollautonome Nutzung bereits möglich, sodass es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis diese auch im großen Stil praktisch eingesetzt wird. Viele Unternehmen, die in nachhaltigen Fonds enthalten sind, entwickeln solche Technologien. Rheinmetall etwa arbeitet an KI für Gefechtsführung und Autonomie und ist an der Entwicklung von Kampfdrohnen beteiligt, welche technisch bereits zu vollständiger Autonomie in der Lage sein sollen.  

Kontroverse Rüstungsgüter in aktuellen Konflikten    

Human Rights Watch dokumentierte in den letzten Jahren mehrfach, dass israelische Streitkräfte Kampfmittel mit weißem Phosphor in Wohngebieten in Gaza und im Libanon verwendeten. HRW schätzt diese Verwendung nach Protokoll III des Abkommens über Konventionelle Waffen als völkerrechtswidrig ein. Abgefeuert wurden diese Bomben unter anderem von Artilleriesystemen, welche von den europäischen Unternehmen BAE Systems und Rheinmetall produziert wurden

Nicht als kontrovers kategorisiert, aber in kontroversem Einsatz  

In den letzten Jahren wurde Rüstung in der europäischen Öffentlichkeit vor allem unter dem Aspekt der Herstellung der Verteidigungsfähigkeit diskutiert. Jedoch wurden in jüngster Zeit Rüstungsgüter derselben US-Unternehmen, die die Ukraine zur Verteidigung benötigt, bei völkerrechtswidrigen Angriffen verwendet: Zum einen bei der US-Entführung des venezolanischen Präsidenten im Januar 2026 und zum anderen im Irankrieg, von den USA und Israel gemeinsam geführt. Unternehmenstitel von zum Bespiel Lockheed Martin und Boeing, deren Kampfjets, Bomber und Bomben im Iran genutzt werden, finden sich in zahlreichen als nachhaltig klassifizierten Fonds.  

Rüstung auch wirtschaftlich nicht nachhaltig 

Der Global Peace Index beziffert die ökonomischen Kosten für weltweite Gewalt im Jahr 2024 auf rund 19,97 Billionen US-Dollar, etwa 11,6 % des globalen BIP! Ein Großteil Ausgaben entfällt auf Militärbudgets und interne Sicherheit, während Ausgaben für Friedenskonsolidierung und Friedenssicherung mit 0,52% verschwindend gering bleiben und bereits seit langem sinken. Dies zeigen auch neueste Daten von SIPRI, welche auf Grund von fehlenden Mitteln einen starken Rückgang von Friedensmissionen und dem dafür notwendigen Personal feststellen.  

Gleichzeitig verursachen Konflikte erhebliche wirtschaftliche Schäden durch Tote, Fluchtbewegungen und zerstörte Infrastruktur. Insbesondere in Staaten des Globalen Südens kann eine sich weiter verschlechternde wirtschaftliche Lage und die sich verschärfenden Auswirkungen der Klimakrise und Ressourcenknappheit ein erhebliches Risiko für weitere und zukünftige Konflikte darstellen. Staaten im Globalen Norden erhöhen diese Risiken weiter, indem sie die Budgets zugunsten steigender Rüstungsausgabe für staatliche Entwicklungszusammenarbeit kürzen.  

Titelfoto: Pixabay