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Klimagerechtigkeit in der Modeindustrie: Ein Gespräch über die Energiewende in Bangladesch

Demonstrationen von Arbeiter*innen am Rana-Plaza-Gedenktag

Bildrechte: © Bangladesh Center for Workers’ Solidarity (BCWS)
Interview durch Dr. Jiska Gojowczyk

BITTE NACH UNTEN SCROLLEN FÜR DIE ENGLISCHE VERSION

Md Razu Ahmad Masum ist ein bangladeschischer Aktivist für Klimagerechtigkeit und Arbeitnehmer*innenrechte. Er verfügt über zehn Jahre Erfahrung in der arbeitsorientierten Bewegung für einen gerechten Wandel in Südasien und engagiert sich derzeit für die Kampagne „Fossil-Free Fashion“ von Stand.earth in Bangladesch. Zu seinen beruflichen Interessen und Fachgebieten zählen gesellschaftspolitische Gerechtigkeit, Arbeitnehmer*innenrechte und die Governance der Klimafinanzierung.

Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Bonn 2026 initiierte Stand.earth gemeinsam mit Arbeitsrechts-, Klima- und zivilgesellschaftlichen Organisationen einen offenen Brief an die “UN Fashion Industry Charter for Climate Action”.  Verbindliche Elemente für Klimaanpassung und eine Just Transition sollen integriert werden. Hintergrund ist die bislang ausbleibende Umsetzung einer entsprechenden Absichtserklärung der Charta aus dem Jahr 2024 sowie die Erkenntnis, dass insbesondere herstellende Betriebe und Beschäftigte in Ländern wie Bangladesch stärker in den Mittelpunkt der Klimastrategien der Modeindustrie rücken müssen.

Datum: 19.07.2026

In eurem offenen Brief wird die Dringlichkeit betont, einen Rahmen für eine Just Transition in die UN Fashion Charter zu integrieren. Wie können globale Modemarken dazu verpflichtet werden, ihren Zulieferern im Globalen Süden finanzielle und technische Unterstützung zu gewähren - insbesondere in Ländern wie Bangladesch, wo Klimagefährdung und Arbeitnehmer*innenrechte eng miteinander verflochten sind?

Unsere Korrespondenz mit der UN Fashion Charter stützt sich auf unseren JET [ Just Energy Transition] -Roadmap-Bericht speziell für Bangladesch, der im Februar auf dem OECD-Forum vorgestellt wurde. Im Zuge der Entwicklung dieser Roadmap haben wir zahlreiche Kontrollpunkte zur Rechenschaftspflicht für globale Modemarken vorgeschlagen. Unsere Empfehlungen für die Bangladesch-Roadmap wurden in mehreren Runden von Beratungen mit verschiedenen Interessengruppen erarbeitet und auf der Grundlage unserer Erkenntnisse schlugen wir den Marken mehrere finanzielle und politische Lösungsansätze vor. Zur Unterstützung der herstellenden Betriebe und Beschäftigten im Globalen Süden schlugen wir konkrete und vor Ort entwickelte finanzielle Lösungen sowohl für Anpassungs- als auch für Klimaschutzmaßnahmen vor (z. B. zweckgebundene Finanzmittel, Einführung verantwortungsvoller Beschaffungsrichtlinien, Beiträge zum Klimarisikoversicherungsprogramm für die Arbeitnehmer*innen, Übernahme eines fairen Anteils an den Vorlaufkosten für Dekarbonisierung und Effizienzsteigerung usw.). Wir legen zudem Wert darauf, das derzeitige Marktungleichgewicht durch faire Einkaufspraktiken sowie durch unabhängige Überwachung und Governance-Rahmenwerke unter Einbeziehung verschiedener Interessengruppen – darunter Arbeitnehmer*innen, Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft – zu korrigieren. Den vollständigen Bericht finden Sie hier: Fair Share for the Future.

Die Empfehlungen fordern Ziele für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen sowie Investitionen in die Infrastruktur für erneuerbare Energien auf Fabrikebene. Was sind die größten Hindernisse für die Umsetzung dieser Veränderungen, und wie kann die Fashion Charter sicherstellen, dass Marken jetzt handeln, anstatt auf „perfekte politische Rahmenbedingungen“ zu warten?

Unsere Beobachtungen zeigen mehrere Herausforderungen beim Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien auf Fabrikebene auf, die größtenteils mit der Finanzierung zusammenhängen. Die Umstellung auf erneuerbare Energien erfordert erhebliche Investitionen, die oft ausschließlich von den Betrieben in Bangladesch und im Globalen Süden getragen werden. Zwar stehen einige Kreditmöglichkeiten zur Verfügung, doch sind diese im Vergleich zum tatsächlichen Bedarf begrenzt, schwer zugänglich und nicht gut auf die geschäftlichen Möglichkeiten abgestimmt. Hinzu kommt, dass unfaire Einkaufspraktiken die gesamte Last auf diese zuliefernden Betriebe und Arbeitnehmer*innen abwälzen. Darüber hinaus wird es immer schwieriger, der Umstellung auf erneuerbare Energien Priorität einzuräumen, solange Subventionen für fossile Brennstoffe bestehen und es keinen wettbewerbsorientierten Markt für bewährte Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien gibt. Weitere Einzelheiten finden Sie im Abschnitt „Wichtigste Erkenntnisse“ unseres Berichts Fair Share for the Future.

Der Brief unterstreicht die Notwendigkeit eines globalen gemeinsamen Finanzierungsmechanismus zur Unterstützung des Klimaschutzes in der Modebranche. Wie könnte ein solcher Mechanismus gestaltet werden, um eine gerechte Verteilung der Mittel zu gewährleisten, insbesondere für kleine und mittelgroße herstellende Betriebe (KMU), denen es oft an Ressourcen mangelt?

Unsere Empfehlungen im Rahmen der Roadmap sehen die Schaffung eines globalen Finanzierungsmechanismus für die Modebranche vor, um Fairness insbesondere für KMUs zu fördern, wobei der Schwerpunkt auf Gerechtigkeit, inklusiver Governance, klaren Kriterien und Transparenz liegt. Wir empfehlen, dass Marken entsprechend ihrem Marktanteil und ihrem Beschaffungsvolumen aus dem jeweiligen Land oder der jeweiligen Region zum Übergang zu erneuerbaren Energien beitragen. Dies kann durch die Einrichtung eines Fonds erreicht werden, der an die Emissionen der Lieferkette gekoppelt ist und durch die Unterstützung von zuliefernden Betrieben - insbesondere KMUs - mittels Zuschüssen und Mischfinanzierungen anstelle von eigenständigen Darlehen, da Schulden die Teilnahme behindern können. Ähnliche Mechanismen gibt es in anderen Sektoren, doch leider wurde bisher noch keiner speziell für die Modebranche ins Leben gerufen. Marken können zudem einen eigenen Finanzierungskanal unter Nutzung bestehender UNFCCC-Finanzierungsmechanismen einrichten, was dazu beitragen kann, Transparenz und Verantwortung bei der Umsetzung zu gewährleisten.

Die Stimmen der Arbeitnehmer*innen – insbesondere die der Frauen – spielen in der vorgeschlagenen “Taxonomie für einen gerechten Energiewandel” eine zentrale Rolle. Wie kann die Fashion Charter sicherstellen, dass diese Stimmen nicht nur einbezogen, sondern auch gestärkt werden, um politische Entscheidungen mitzugestalten und Marken für ihre Verpflichtungen zur Rechenschaft zu ziehen?

Unserer Beobachtung nach lässt die aktuelle Fashion Charter Arbeitnehmer*innenfragen völlig außer Acht und keine der Gewerkschaften ist daran beteiligt, obwohl Arbeitnehmerinnen am stärksten vom Klimawandel und von Marktversagen betroffen sind. Unsere Roadmap empfiehlt, dass das Potenzial der Charta darin bestehen sollte, Marken dazu zu verpflichten, Arbeitnehmer*innen - insbesondere Frauen - in den Mittelpunkt der Politikgestaltung und -umsetzung zu stellen und sicherzustellen, dass Klima- und Transformationsstrategien gemeinsam mit Gewerkschaften, Arbeitnehmer*innenvertretungen und der lokalen Zivilgesellschaft entwickelt werden, anstatt von oben herab auferlegt zu werden. Durch die Einbeziehung der Stimmen und der Mitwirkung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer könnte die Charta den Schritt von der bloßen Anerkennung der Arbeitnehmer*inneninteressen hin zur Stärkung der Arbeitnehmer*innen als zentrale Entscheidungstragenden und Akteure der Rechenschaftspflicht vollziehen, was im Einklang mit der Forderung der Roadmap nach einem wirklich gerechten und inklusiven Wandel stünde.

Was ist Stand.earth und wie sehen Sie Ihre Rolle im Hinblick auf die UN Fashion Charter und eine Just Transition in der Branche?

Stand.earth, eine in Nordamerika ansässige Umwelt-NGO, hat sich dem Kampf gegen den Klimawandel und der Förderung sozialer und ökologischer Gerechtigkeit verschrieben. Wir führen zwar mehrere Programme durch, doch unsere Kampagne „Fossil Free Fashion“ setzt sich speziell für einen gerechten Energiewandel in Produktionsländern wie Bangladesch ein. In diesem Bestreben fördern wir gemeinsames Handeln, einschließlich substanzieller Beiträge globaler Modemarken. Im Zusammenhang mit der UN Fashion Charter und einem gerechten Wandel lässt sich unsere Rolle als Kontrollinstanz, globale Verfechtende und Antreiberin des Wandels verstehen. Wir beobachten und bewerten öffentlich die Fortschritte der Marken, identifizieren kritische Lücken wie unzureichende Finanzierung und setzen uns für verbindliche Verpflichtungen ein, die Klimaschutzmaßnahmen mit Arbeitsrechten in Einklang bringen. Gleichzeitig fungieren wir als Brücke zwischen globalen politischen Rahmenbedingungen und den herstellenden Betrieben und Arbeitnehmer*innen vor Ort und verstärken so die Stimmen der Branchen und Arbeitnehmer*innengruppen, insbesondere in vulnerablen Kontexten wie Bangladesch.

Vielen Dank für deine Erläuterungen, Masum!

Dieser Blogbeitrag ist Teil des Projekts „Fashioning a Just Transition“, in dem das SÜDWIND-Institut als Teil des deutschen und internationalen Netzwerks der Kampagne für Saubere Kleidung die Perspektive der Arbeiter*innen stärkt, den Blick auf versteckte Ungerechtigkeiten lenkt und politische Handlungsempfehlungen erarbeitet. Willst auch du Teil des gerechten Wandels werden? Unterschreibe unser Just Transition Manifest für eine gerechtere Modeindustrie!

English version:

Climate Justice in the Fashion Industry: A Conversation with Stand.earth about a Just Energy transition in Bangladesh

Md Razu Ahmad Masum is a Bangladeshi climate justice and labour rights activist. He has a decade of experience in the worker-centric just transition movement in South Asia and is currently engaged with Stand.earth's fossil-free fashion campaign in Bangladesh. His career interests and expertise include socio-political justice, workers' rights, and climate finance governance. 

In the run-up to the 2026 UN Climate Conference in Bonn, Stand.earth, together with labour rights, climate and civil society organizations, initiated an open letter to the “UN Fashion Industry Charter for Climate Action”. The goal is to incorporate binding provisions for climate adaptation and a just transition. This initiative stems from the fact that a corresponding declaration of intent, dating from 2024, has yet to be implemented, as well as the recognition that manufacturing companies and workers in countries such as Bangladesh, in particular, must be placed more at the centre of the fashion industry’s climate strategies.

Date: July 19, 2026

The letter emphasizes the urgency of integrating a just transition framework into the UN Fashion Charter. How can global fashion brands be held accountable for providing financial and technical support to suppliers in the Global South, especially in countries like Bangladesh, where climate vulnerability and labor rights are critically intertwined?

Our correspondence with the UN Fashion Charter is substantiated by our Bangladesh-specific JET roadmap report, which was shared at the OECD forum in February. In the course of the roadmap development, we have suggested numerous accountability checkpoints for global fashion brands. Our Bangladesh roadmap recommendations were formulated through multiple rounds of multi-stakeholder consultations, and based on our findings, we have proposed several financial and policy solutions for the brands. To support the global south manufacturers and workers, we suggested specific and locally developed financial solutions for both adaptation and mitigation needs (e.g. ring-fenced finance, adoption of responsible procurement policies, contribution to the climate risk insurance programme for the workers, paying a fair share for upfront decarbonization and efficiency costs, etc.). We also emphasise on correcting the current market imbalance through fair purchasing practices along with independent monitoring and multi‑stakeholder governance frameworks that include workers, unions, and civil society. You will find the full report here - Fair Share for the Future.

The recommendations call for fossil fuel phase-out targets and investment in renewable energy infrastructure at the factory level. What are the biggest obstacles to implementing these changes, and how can the Fashion Charter ensure that brands act now rather than waiting for "perfect policy conditions"?

Our observation identifies several challenges in scaling renewable energy infrastructure at the factory level, mostly related to funding. Transitioning to renewable energy demands significant investments, which are often borne solely by manufacturers in Bangladesh and the Global South. While some loan options are available, they are limited compared to actual needs, difficult to access, and not well aligned with business opportunities. Additionally, unfair purchasing practices shift the entire burden onto suppliers and workers. Moreover, it is increasingly difficult to prioritize renewable energy transition when fossil fuel subsidies exist and there is no competitive market for proven renewable technologies.  You will find more details in the key findings section of our Fair Share for the Future report.

The letter highlights the need for a global pooled finance mechanism to support climate mitigation in the fashion industry. How could such a mechanism be structured to ensure fair distribution of funds, particularly for small and medium-sized manufacturers who often lack resources?

Our roadmap recommendations suggest creating a global finance mechanism for the fashion industry to promote fairness, especially for SMEs, with a focus on equity, inclusive governance, clear criteria, and transparency. We recommend that brands contribute to a renewable energy transition based on their market share and sourcing volume from the country or region. This can be achieved by creating a fund connected to supply chain emissions and supporting suppliers, especially SMEs, through grants and blended financing instead of standalone loans, as debt can hinder participation. Similar mechanisms operate in other sectors, but unfortunately, none have been launched targeting the fashion industry. Brands can also establish a dedicated funding channel utilizing existing UNFCCC funding mechanisms, which can help ensure transparency and accountability in implementation.

Worker voices—especially those of women—are central to the proposed Just Energy Transition taxonomy. How can the Fashion Charter ensure that these voices are not just included but empowered to shape policies and hold brands accountable for their commitments?

In our observation, the current fashion charter completely overlooks workers' issues, and none of the worker unions is part of it, even though female workers are most affected by climate change and market failures. Our roadmap exercise recommends that the Charter's potential should require brands to place workers, especially women, at the centre of policy design and implementation, ensuring that climate and transition strategies are co-developed with trade unions, worker representatives, and local civil society rather than imposed top-down. By including workers' voices and participation, the Charter may shift from acknowledging workers’ voices to empowering them as key decision-makers and accountability actors, aligning with the roadmap’s call for a truly just and inclusive transition.

What is Stand.earth and how do you interpret your role with regard to the UN Fashion Charter and a just transition in the industry?

Stand.earth, an environmental NGO based in North America, is dedicated to addressing climate change and promoting social and environmental justice. While we have several programs, our Fossil Free Fashion campaign specifically advocates for a just energy transition for manufacturing countries such as Bangladesh. In this endeavour, we promote collective action, including meaningful contributions from global fashion brands. In relation to the UN Fashion Charter and a just transition, our role can be interpreted as a watchdog, global advocate, and change agent. We monitor and publicly assess brand progress, identify critical gaps such as insufficient financing, and advocate for binding commitments that align climate action with labor rights. At the same time, we act as a bridge between global policy frameworks and ground manufacturers and workers, amplifying the voices of industries and labour groups, particularly in vulnerable contexts like Bangladesh.

Thank you very much for your insights, Masum!

This blog post is part of the “Fashioning a Just Transition” project, in which the SÜDWIND Institute - as part of the German and international network of the Clean Clothes Campaign - empowers workers’ voices, draws attention to hidden injustices and develops recommendations for political action. Do you want to be part of a just transition too? Sign our Just Transition Manifesto for a more just fashion industry!